Wenn die Zapfsäulen leer bleiben: Warum die Energiekrise zur Geldfrage wird

Zusammenfassung

Brent-Öl kostet wieder über 100 US-Dollar, in Frankreich meldet jede neunte Tankstelle Engpässe bei Benzin oder Diesel, und die US-Notenbank hat die Zinsen zum ersten Mal seit über drei Jahren erhöht. Sieben Monate nach Beginn des Krieges um den Iran ist die Energiekrise kein fernes Nachrichtenthema mehr.

Die Lage hat sich in den letzten zwei Wochen zugespitzt. Die Strasse von Hormus ist seit Kriegsbeginn weitgehend blockiert, und der wichtigste Ausweichweg, die saudische Ost-West-Pipeline, wurde am 9. September angegriffen. Saudi-Arabien soll europäischen Raffinerien für Oktober kein Rohöl zugeteilt haben, während die Huthi-Rebellen im Jemen die Meerenge Bab al-Mandab kontrollieren. In der EU ist Diesel im Jahresvergleich rund 38 Prozent teurer, Flugbenzin mehr als doppelt so teuer, und in den USA hat Diesel mit über 6 US-Dollar pro Gallon ein nominales Rekordhoch erreicht. Mehrere Regierungen diskutieren bereits eine Sondersteuer auf Energiegewinne.

Gleichzeitig verschiebt sich das geopolitische Umfeld: Washington hat ein Sanktionsgesetz unterzeichnet, das Zölle von bis zu 100 Prozent auf die grössten Abnehmer russischer Energie ermöglicht, und Präsident Trump hat eine Sicherheitsvereinbarung mit Dänemark über Grönland verkündet. Bitcoin notiert derweil bei knapp 82'000 US-Dollar, rund 35 Prozent unter dem Allzeithoch vom Oktober 2025.

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Ein Ölmarkt im Ausnahmezustand

Seit dem 28. Februar 2026 führen die USA und Israel eine Militärkampagne gegen den Iran. Die Strasse von Hormus, durch die rund 20 Prozent des weltweit gehandelten Öls und Gases fliessen, ist seither weitgehend blockiert. Die Internationale Energieagentur sprach von der grössten Angebotsstörung in der Geschichte des Ölmarkts. Den Höchststand erreichte Brent Ende März bei rund 118 US-Dollar.

Am Freitag, dem 18. September, schloss Brent bei rund 104 US-Dollar, ungefähr 50 Prozent über dem Niveau vor Kriegsbeginn. Das ist weniger dramatisch als im März, aber deutlich mehr, als die meisten Haushalte und Unternehmen in ihren Budgets eingeplant hatten.

Die Pipeline, die Europa fehlt

Weil die Strasse von Hormus blockiert ist, kommt der saudischen Ost-West-Pipeline eine Schlüsselrolle zu. Sie führt über rund 1'200 Kilometer von den Ölfeldern im Osten des Landes zum Rotmeerhafen Yanbu und transportiert normalerweise vier bis fünf Millionen Barrel pro Tag. Am 9. September wurde sie laut Euronews mit Drohnen angegriffen, zugeschrieben werden die Angriffe den Huthi und irakischen Kräften. Rund 3,5 bis 4 Millionen Barrel täglich waren dadurch gefährdet, also etwa vier bis fünf Prozent der weltweiten Versorgung.

Für Europa ist das relevant, weil viele Raffinerien auf bestimmte saudische Rohölsorten ausgelegt sind. Der polnische Konzern Orlen suchte bereits Ersatz in Norwegen, Grossbritannien, Algerien, Kasachstan, Aserbaidschan und Amerika. Mindestens drei europäische Raffinerien mussten Septemberlieferungen streichen oder auf November verschieben. Bloomberg berichtete am 18. September, Saudi-Arabien habe europäischen Raffinerien mitgeteilt, dass sie im Oktober kein Rohöl erhalten. Die vollständige Reparatur könnte bis zu sechs Wochen dauern, saudische Vertreter rechneten allerdings damit, innerhalb weniger Tage die Hälfte der Kapazität wiederherzustellen.

Parallel dazu haben die Huthi am 10. September die jemenitische Hafenstadt Mokha und die Insel Zuqar erobert und am 11. September die Insel Perim erreicht, die die Meerenge Bab al-Mandab in zwei Fahrrinnen teilt. Die Meerenge ist damit faktisch unter Huthi-Kontrolle, offiziell geschlossen wurde sie bisher nicht. Ein Huthi-Vertreter erklärte, die Schifffahrt sei sicher, nahm saudische Schiffe aber ausdrücklich davon aus. Sollte sich das ändern, bliebe für viele Tanker nur der lange Weg um das Kap der Guten Hoffnung.

Auf der Gasseite fehlt Europa eine andere Leitung ganz: Nord Stream 2. Die rund 1'230 Kilometer lange Pipeline durch die Ostsee, ausgelegt für 55 Milliarden Kubikmeter Erdgas pro Jahr, wurde im September 2021 fertiggestellt, hat aber nie Gas geliefert. Im Februar 2022 stoppte die deutsche Regierung das Zertifizierungsverfahren, und im September 2022 zerstörte ein Sabotageakt einen der beiden Stränge. Der zweite blieb unbeschädigt, ist aber nicht in Betrieb. Schweden und Dänemark stellten ihre Ermittlungen 2024 ohne Schuldzuweisung ein. Vor 2022 stammte mehr als die Hälfte des deutschen Erdgases aus Russland. Heute liegt der europäische Gaspreis bei rund 81 Euro pro Megawattstunde, etwa 150 Prozent über dem Vorjahr, und der Angriff auf Katars Flüssiggasanlage Ras Laffan im März hat deren Kapazität nach Angaben aus der Berichterstattung um rund 17 Prozent verringert.

Ob Nord Stream 2 je wieder eine Rolle spielt, ist politisch hoch umstritten. Deutsche Regierungsvertreter wiesen Überlegungen zur Wiederbelebung Anfang 2025 zurück. Laut Daily Sabah planen die AfD-Vorsitzenden Alice Weidel und Tino Chrupalla dennoch Gespräche mit Kirill Dmitrijew, dem Wirtschaftsberater Putins, über eine Rückkehr russischer Gaslieferungen, frühestens im März 2027 und nur unter der Bedingung eines Friedensabkommens in der Ukraine. Der Grünen-Abgeordnete Michael Kellner nannte das «Verrat», der CDU-Abgeordnete Roderich Kiesewetter warnte vor einem «Desaster für die europäische Sicherheit». Robert Agee von der American Chamber of Commerce in Moskau bezeichnete den Schritt dagegen als «positiv und zeitgemäss». Die Entscheidung liegt letztlich bei der Politik, nicht bei den Märkten.

Was an der Zapfsäule ankommt

In Frankreich meldeten am 18. September 11 Prozent der Tankstellen, dass Benzin oder Diesel ausgegangen ist, in der Region Grand Est sogar 16 Prozent. Diesel kostet im Schnitt rund 2,38 Euro pro Liter, knapp unter dem Rekord von 2,40 Euro. Präsident Macron berief eine Krisensitzung ein, und die Regierung plant ab dem 1. Oktober neue Unterstützung für besonders betroffene Beschäftigte.

EU-weit liegen die Benzinpreise laut Irish Examiner rund 24 Prozent, die Dieselpreise rund 38 Prozent und die Preise für Flugbenzin mehr als 100 Prozent über dem Vorjahr. Der europäische Gaspreis liegt bei rund 81 Euro pro Megawattstunde, etwa 150 Prozent höher als vor einem Jahr. Vor diesem Hintergrund drängt der deutsche Finanzminister Lars Klingbeil darauf, dass die EU-Kommission bis zur Oktober-Sitzung der Finanzminister Modelle für eine Übergewinnsteuer vorlegt. Spanien unterstützt das, Frankreich bleibt zurückhaltend. Beschlossen ist bisher nichts, und wofür die Einnahmen verwendet würden, ist offen.

Wie ein Vorbote wirkt Pakistan: Dort gelten seit dem 17. September wieder Sparmassnahmen. Geschäfte müssen um 21 Uhr schliessen, der Treibstoff für Regierungsfahrzeuge wird für drei Monate um die Hälfte gekürzt, Dienstreisen ins Ausland sind untersagt. Ähnliche Massnahmen galten schon im März und wurden im Juni weitgehend aufgehoben. Pakistan ist besonders verwundbar, aber es zeigt, wie schnell ein Energieschock in den Alltag durchschlagen kann.

Die Zentralbank kann kein Öl drucken

Am 16. September erhöhte die US-Notenbank den Leitzins um 0,25 Prozentpunkte auf 3,75 bis 4 Prozent, die erste Erhöhung seit über drei Jahren. Die Inflation lag im August bei 3,4 Prozent, und die Fed erwartet noch eine weitere Erhöhung in diesem Jahr. Sie begründete den Schritt ausdrücklich mit den Energiepreisen.

Aus Sicht der Österreichischen Schule ist das ein aufschlussreicher Moment. Ein steigender Ölpreis ist zunächst ein Preissignal, so wie Hayek es beschrieb: Er zeigt Knappheit an und zwingt zur Anpassung. Das Signal ist unbequem, aber korrekt. Problematisch wird es, wenn die Antwort darin besteht, die Folgen mit neuem, durch Schulden finanziertem Geld abzufedern. Was als Entlastung gedacht ist, wie etwa Zuschüsse für Vielfahrer, wird dann Teil dessen, was Ludwig von Mises als Interventionsspirale bezeichnet hat: Ein Eingriff erzeugt Nebenwirkungen, die den nächsten Eingriff rechtfertigen. Eine Zentralbank kann Zinsen festlegen, aber kein Öl herstellen. Ob die Kaufkraft von Ersparnissen leidet, hängt deshalb nicht nur vom Ölpreis ab, sondern auch davon, wie Staaten und Notenbanken darauf reagieren.

Zölle und Grönland: Zwei Nebenschauplätze

Am 18. September unterzeichnete Präsident Trump den Lindsey O. Graham Sanctioning Russia and Iran Act. Das Gesetz erlaubt dem Präsidenten, Zölle von bis zu 100 Prozent auf Länder zu erheben, die zu den fünf grössten Käufern russischen Öls und Gases gehören. Genannt werden im Gesetz keine Länder, in der Berichterstattung stehen China und Indien im Mittelpunkt. Die Zölle sind nicht automatisch: Der Präsident kann mit einer schriftlichen Begründung an den Kongress darauf verzichten. Laut Kyiv Independent sieht das Gesetz eine Frist von 30 Tagen vor. Es trifft also nicht «jedes Land», das russische Energie kauft, sondern einen eng definierten Kreis.

Ebenfalls am 18. September verkündete Trump eine Vereinbarung mit Dänemark, die den USA «permanente Kontrolle über die Sicherheit und alle anderen Bedürfnisse» in Grönland gebe. Der Inhalt ist nüchterner: Gegnern der USA soll es untersagt sein, ohne schriftliche Genehmigung Militärstützpunkte auf der Insel zu errichten, die US-Präsenz soll an geeigneten Standorten ausgebaut werden, aufbauend auf einem Abkommen von 1951. Dänemarks Ministerpräsidentin Mette Frederiksen betonte, die Vereinbarung erkenne die Souveränität und territoriale Integrität des Königreichs sowie das Selbstbestimmungsrecht der Grönländer an. Die Unterzeichnung ist während der UN-Generalversammlung vorgesehen, danach müssen die Parlamente in Kopenhagen und Nuuk zustimmen. Rohstoffe erwähnte Trump in seiner Ankündigung nicht. Was die Vereinbarung kostet, ist in den geprüften Berichten nicht beziffert.

Für die Märkte ist das Thema bislang von untergeordneter Bedeutung. Eine Meldung über Zölle im Zusammenhang mit Grönland gibt es nicht. Sollte die EU die Vereinbarung ablehnen und der Streit wieder in Handelsmassnahmen münden, würde sich das ändern. Das ist derzeit aber eine Möglichkeit, keine Tatsache.

Bitcoin in diesem Umfeld

Bitcoin notierte am Morgen des 21. September bei rund 81'800 US-Dollar und damit etwa 35 Prozent unter dem Allzeithoch von 126'277 US-Dollar vom Oktober 2025. Am 18. September, zwei Tage nach der Zinserhöhung, überschritt der Kurs die Marke von 80'000 US-Dollar, wobei binnen einer Stunde rund 183 Millionen US-Dollar an Short-Positionen zwangsliquidiert wurden. Das Stimmungsbarometer «Fear & Greed» zeigt je nach Anbieter zwischen rund 50 und 70 Punkten, also von neutral bis Gier. Solche Werte sind Momentaufnahmen und unterscheiden sich in der Berechnung.

Chartanalysten verweisen auf Ähnlichkeiten der aktuellen Phase mit früheren Zyklustiefs. Das ist Mustererkennung, keine Gewissheit: Niemand weiss, ob das Tief bereits erreicht ist. Auch der Zusammenhang zwischen Energiekrise und Bitcoin-Kurs ist nicht belegt. Bitcoin ist kein Ölpreis-Absicherungsinstrument, und der Kurs stieg in einer Woche, in der Brent über 100 US-Dollar blieb und die Fed die Zinsen erhöhte, ohne dass sich daraus eine Ursache ableiten liesse. Das strukturelle Argument ist ein anderes: Die Menge von 21 Millionen Bitcoin ist festgelegt, unabhängig davon, wie Regierungen und Notenbanken auf Energiekrisen reagieren.

Was gegen die düstere Lesart spricht

Es gibt gute Gründe, die Lage nicht zu dramatisieren. Brent ist in der vergangenen Woche leicht gefallen, nachdem Reuters berichtet hatte, China habe Iran auf Bitte Saudi-Arabiens aufgefordert, die Huthi-Angriffe auf saudische Infrastruktur einzudämmen. Die Pipeline könnte schneller repariert sein als befürchtet. Die Grönland-Vereinbarung entschärft einen Konflikt, der zuvor zu Drohungen geführt hatte. Und ein Blick auf den Sommer zeigt, wie schnell sich der Ölpreis in beide Richtungen bewegen kann: Anfang Juli fiel Brent auf rund 72 US-Dollar, gut drei Wochen später stand er wieder bei rund 97 US-Dollar. Auch die Engpässe in Frankreich betreffen einen Teil der Tankstellen, nicht das ganze Land, und Pakistans Sparmassnahmen vom März waren nach drei Monaten wieder aufgehoben.

Auch für Bitcoin gilt: Ein Anstieg, der durch Zwangsliquidationen von Short-Positionen beschleunigt wurde, kann sich ebenso schnell umkehren, und höhere Zinsen belasteten Risikoanlagen in der Vergangenheit.

Fazit

Die Ereignisse dieser Woche, von der Pipeline über die Tankstellen bis zur Zinserhöhung, hängen zusammen, aber sie sind kein Beweis für einen bestimmten Verlauf. Ob die Knappheit im Oktober und November in Mitteleuropa spürbar wird, hängt von Reparaturen, Diplomatie und Zufall ab. Klar ist nur, dass Energie und Geld enger verbunden sind, als viele Sparer annehmen. Öl lässt sich nicht drucken, Geld schon. An dieser Asymmetrie entscheidet sich, wie Ersparnisse die nächsten Jahre erleben.

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Quellen: NBC News: Grönland-Vereinbarung · Al Jazeera: Grönland · NPR: Grönland · Euronews: Saudi-Pipeline · Bloomberg: Saudis, kein Rohöl im Oktober · Euronews: Huthi, Bab al-Mandab · Wikipedia: 2026 Iran war fuel crisis · Connexion France · Dawn: Pakistan · Euronews: Übergewinnsteuer · Irish Examiner · CBS News: Sanktionsgesetz · Kyiv Independent · Rio Times: Ölpreis 18.9. · Al Jazeera: Fed · Crypto Briefing · Coingabbar

Kevin Quast

Il mio viaggio nel mondo di Bitcoin è iniziato nel 2020 durante una passeggiata invernale con un buon amico, che mi ha parlato con entusiasmo di Bitcoin e della sua visione. Da allora, questo tema non mi ha più lasciato!

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