Stablecoins: Die heimlichen Verstärker von Dollar & Bitcoin
Zusammenfassung
USDT hält heute eine Marktkapitalisierung von rund 186 Milliarden Dollar – im Juni 2026 überholte USDT kurzzeitig sogar Ethereum im Gesamtwert. USDC liegt bei rund 75 Milliarden Dollar. Zusammen machen beide über 80 % des gesamten Stablecoin-Marktes aus, der mittlerweile rund 312 Milliarden Dollar erreicht hat.
Tether hält rund 135 Milliarden Dollar in US-Staatsanleihen – etwa 74 bis 77 % seiner Reserven. Das macht Tether zum 18. grössten Halter von US-Staatsanleihen weltweit – vergleichbar mit Südkorea, den Vereinigten Arabischen Emiraten und Deutschland. Gleichzeitig hält Tether über 96'000 Bitcoin im Wert von rund 8,4 bis 9,9 Milliarden Dollar.
Stablecoins verlängern die globale Dollar-Dominanz, indem sie US-Schulden weltweit digital verfügbar machen – ohne klassische Banken, ohne Grenzen, ohne Wartezeiten. Aber ein neuer, kontroverser Befund stellt eine zentrale Annahme der Bitcoin-Szene infrage: Verschiebt die staatlich regulierte Stablecoin-Infrastruktur tatsächlich Nachfrage von Bitcoin weg, statt sie zu verstärken?
Was die Daten zeigen, wie der GENIUS Act das Spiel verändert hat – und was die österreichische Schule über digitalen Dollar-Zugang versus echtes hartes Geld sagt – lesen Sie im vollständigen Artikel.
Was ein Stablecoin überhaupt ist
Ein Stablecoin ist ein digitales Token, das an den Wert einer Fiat-Währung gekoppelt ist – meist eins zu eins an den US-Dollar. Unter der GENIUS Act müssen Emittenten ihre Stablecoins mit Reserven aus Bargeld oder kurzfristigen Staatsanleihen voll decken und diese Reserven monatlich offenlegen.
Die GENIUS Act wurde am 18. Juli 2025 unterschrieben – das erste grosse US-Bundesgesetz zu digitalen Assets, das einen regulatorischen Rahmen für dollar-gestützte Zahlungs-Stablecoins schafft. Das ausstehende Volumen an US-Dollar-Stablecoins ist von rund 25 Milliarden Dollar im Jahr 2020 auf nahezu 280 Milliarden Dollar Ende 2025 gewachsen. US-Finanzminister Scott Bessent schätzt, dass dieses Volumen bis 2030 auf das Zehnfache wachsen könnte – auf 3 Billionen Dollar.
Stablecoins als verlängerter Arm der US-Staatsfinanzierung
Hier liegt der erste Teil der strukturellen These. Tether hält über 127 Milliarden Dollar in US-Staatsanleihen – mehr als viele Staaten selbst. Jeder neue Stablecoin, der ausgegeben wird, muss durch zusätzliche Staatsanleihen-Käufe gedeckt sein. Das bedeutet: Je mehr Menschen weltweit USDT oder USDC halten, desto mehr Nachfrage entsteht automatisch nach US-Staatsschulden.
Eine EY-Umfrage unter 350 Unternehmen ergab, dass aktuell nur 13 % Stablecoins nutzen – aber mehr als 50 % der Nicht-Nutzer planen die Einführung in den nächsten sechs bis zwölf Monaten, primär für grenzüberschreitende Zahlungen. Befürworter argumentieren, dass dieses Wachstum die Nachfrage nach Schatzwechseln erhöht und die Schuldendienstkosten der US-Regierung senken könnte.
Das ist die erste Hälfte der Geschichte: Stablecoins sind ein cleveres Instrument, um die globale Dollar-Nachfrage zu digitalisieren und gleichzeitig die US-Staatsfinanzierung zu stützen.
Die Gegenthese: Hat die GENIUS Act Bitcoin geschwächt?
Hier wird es interessant – und komplizierter als die ursprüngliche These vermuten lässt. Eine Analyse von CoinDesk argumentiert explizit, dass der GENIUS Act eine staatlich sanktionierte Alternative zu Bitcoin geschaffen hat – und damit die "digitaler Dollar"-Nachfrage von Bitcoin zu Stablecoins verschoben hat.
Die Daten stützen diese These teilweise: Der Stablecoin-Marktwert stieg von rund 211 Milliarden Dollar im Januar 2025 auf über 306 Milliarden Dollar im Oktober – ein Plus von 45 %. Die monatliche Emission verdoppelte sich von rund 6,6 Milliarden Dollar vor dem GENIUS Act auf über 13 Milliarden Dollar in den drei Monaten danach.
Laut Chainalysis sind die Länder mit der stärksten Krypto-Adoption Nigeria, Vietnam, Türkei, Argentinien und Äthiopien. Das gemeinsame Muster dieser Länder ist nicht Spekulation oder Hartgeld-Ideologie – es ist der Zugang zu stabilen Dollar-Werten in Volkswirtschaften mit eigener Währungsschwäche. Diese Käufer wetteten nicht spekulativ auf digitales Gold. Sie wollten Dollar halten. Bitcoin war der beste verfügbare Wrapper dafür – aber die Rendite kam aus der Dollar-Exponierung, nicht aus Bitcoin selbst. Ein regulierter Stablecoin erfasst denselben Rückenwind der Währungsabwertung, ohne die Drawdowns.
Das ist eine ernstzunehmende Herausforderung an die Bitcoin-Adoptionsthese: Für Menschen, die primär Dollar-Zugang suchen – nicht Wertspeicherung gegen jede Fiat-Währung – ist ein Stablecoin oft die rationalere Wahl. Weniger Volatilität, derselbe Zweck.
Wo die These trotzdem nicht vollständig trägt
Aber die Verschiebung ist nicht so eindeutig, wie sie auf den ersten Blick scheint – und das aus mehreren Gründen.
Erstens: Stablecoins sind digitalisiertes Fiat-Geld, kein hartes Geld. Der GENIUS Act verbietet ausdrücklich die Zahlung von Zinsen auf Stablecoins, um zu verhindern, dass sie zu ähnlich wie Bankeinlagen werden. Das bedeutet: Ein USDT-Halter in Argentinien schützt sich vor der Abwertung des Peso – aber nicht vor der langfristigen Entwertung des Dollars selbst. Der Dollar hat seit Gründung der FED 1913 rund 99 % seiner Kaufkraft gegenüber Gold verloren. Ein Stablecoin verschiebt das Inflationsproblem, er löst es nicht.
Zweitens: Tether selbst hält gleichzeitig über 96'000 Bitcoin als strategisches Asset – ein Stablecoin-Emittent, der auf US-Schulden UND auf Bitcoin gleichzeitig setzt, signalisiert, dass beide Anlageklassen unterschiedliche, sich nicht ausschliessende Funktionen erfüllen.
Drittens: Tether-CEO Paolo Ardoino erklärte, dass USDT von über 400 Millionen Menschen weltweit genutzt wird, mit einem Wachstum von 35 Millionen neuen Wallets pro Quartal – fokussiert auf Entwicklungsländer. Jeder dieser neuen Nutzer hat erstmals eine funktionierende Krypto-Wallet, eine Internetverbindung zu digitalen Assets und Erfahrung mit dem Halten von Token statt physischem Bargeld. Das ist genau die Infrastruktur, die für eine spätere Bitcoin-Nutzung notwendig ist – auch wenn der erste Schritt ein Dollar-Token war, kein Bitcoin.
Die regulatorische Gabelung: USA, EU, Russland
Die geopolitische Landkarte der Stablecoin-Regulierung zeigt ein faszinierendes Muster. Die EU-MiCA-Verordnung zwingt ab dem 1. Juli 2026 regulierte Krypto-Börsen, den USDT-Handel und die Verwahrung für ihre Nutzer auslaufen zu lassen – zugunsten von MiCA-konformen Alternativen wie Circles USDC.
Gleichzeitig erlaubt ein neues russisches Digitalwährungs-Regelwerk ab dem 1. Juli 2026 Privatanlegern nur drei Kryptowährungen: Bitcoin, Ethereum und USDT. Das sanktioniert USDT offiziell als primäres digitales Dollar-Instrument für russische Bürger – inmitten andauernder Sanktionen.
Der Kontrast ist bemerkenswert: Während der regulierte Westen USDT zunehmend ausgrenzt, wird es in sanktionierten Märkten zum offiziellen Dollar-Ersatz. Das bestätigt, dass die Nachfrage nach digitalen Dollars nicht von der Regulierung abhängt – sie sucht sich den Weg des geringsten Widerstands.
Die Marktdynamik: USDC wächst schneller, USDT bleibt dominant
2025 wuchs USDC um 73 % auf 75,12 Milliarden Dollar, während USDT um 36 % auf 186,6 Milliarden Dollar wuchs. Im Jahr davor war es umgekehrt: USDC wuchs um 77 %, USDT nur um 50 %.
Das zeigt eine klare Verschiebung: Regulierte Compliance – USDC mit monatlichen Audits und direkter Aufsicht durch US-Bundesregulierer – gewinnt relative Marktanteile gegenüber dem globalen, weniger regulierten Platzhirsch USDT. Aber von einer deutlich kleineren Basis aus. Auch 2026 bleibt offen, ob das Stablecoin-Wachstum auf USDT und USDC begrenzt bleibt oder sich auf andere Token ausweitet.
Was die österreichische Schule dazu sagt
Aus österreichischer Perspektive sind Stablecoins kein hartes Geld – sie sind digitalisiertes Fiat-Geld, vollständig abhängig von der US-Geldpolitik, der Treasury-Emission und politischen Entscheidungen über Zinssätze und Geldmenge. Ein Stablecoin kann niemals die Eigenschaften erfüllen, die Mises und Menger als entscheidend für hartes Geld beschrieben haben: ein fixiertes, unveränderliches Angebot.
Aber Stablecoins demonstrieren etwas, das die österreichische Schule seit jeher betont: Die Nachfrage nach Geld, das seine Kaufkraft besser erhält als die eigene Landeswährung, ist universell und enorm. Menschen in Argentinien, Nigeria oder der Türkei suchen nicht primär Bitcoin oder den Dollar als solchen – sie suchen ein Fluchtmittel aus einem Geldsystem, das sie aktiv enteignet. Dass viele zuerst beim Dollar-Token landen statt bei Bitcoin, ändert nichts an der zugrundeliegenden ökonomischen Wahrheit: Schlechtes Geld treibt Menschen zu Alternativen, sobald eine technologische Brücke existiert.
Carl Menger hätte diesen Prozess sofort verstanden – auch wenn er kein digitales Asset vorausgesehen hat. Die Frage ist nicht, ob Menschen nach Alternativen suchen. Die Frage ist, welche Alternative langfristig die besseren monetären Eigenschaften behält.
Fazit
Stablecoins sind kein Trojanisches Pferd der Bitcoin-Adoption, wie es manche in der Szene gerne hätten. Sie sind primär ein Instrument, das die globale Dollar-Dominanz verlängert und gleichzeitig die US-Staatsfinanzierung stützt. Für Millionen Menschen in Schwellenländern lösen sie ein reales, unmittelbares Problem – Zugang zu stabilen Dollar-Werten – effizienter als Bitcoin es derzeit kann.
Aber die Geschichte ist nicht zu Ende erzählt. Stablecoins bringen Hunderte Millionen neue Nutzer in digitale Wallets, machen sie mit Krypto-Infrastruktur vertraut und lösen damit die technologische Eintrittsbarriere, die lange Bitcoins grösstes Adoptionshindernis war. Und sie lösen nicht das eigentliche Problem, das Bitcoin zu lösen versucht: die langfristige Entwertung des Dollars selbst.
Tether hält gleichzeitig 135 Milliarden Dollar in Staatsanleihen und fast 100'000 Bitcoin. Vielleicht ist das die ehrlichste Antwort auf die Frage, was Stablecoins wirklich sind: ein Übergangsinstrument zwischen zwei Geldsystemen – nicht der Verstärker des einen oder des anderen, sondern der Beweis, dass beide gebraucht werden, solange das Fiat-System seine strukturellen Probleme nicht löst.
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