Die reale Inflation ist höher als gedacht: Was das für Schweizer Unternehmen bedeutet
Zusammenfassung
Ein Prozent. So hoch war die Teuerung in der Schweiz im September 2026 laut Bundesamt für Statistik. Im internationalen Vergleich ist das ein ruhiger Wert. Wer allerdings einen Betrieb mit Fahrzeugflotte, Werkstatt oder Ölheizung führt, erlebt ein anderes Jahr.
Ende Februar kostete der Liter Diesel knapp unter 1.80 Franken. Am 18. September waren es 2.41 Franken. Das ist ein historischer Höchststand und rund ein Drittel mehr in sieben Monaten. Heizöl ist rund 31 % teurer als vor einem Jahr. Die Krankenkassenprämien steigen 2027 um 5 %, erscheinen im offiziellen Teuerungsindex aber gar nicht. Ein Aargauer Transportunternehmer zahlt nach eigenen Angaben pro Dieselanlieferung 15'000 bis 20'000 Franken mehr als früher.
Gleichzeitig liegen die Reserven vieler KMU auf Firmenkonten mit 0 bis 0,1 % Zins. Die Nationalbank hält den Leitzins bei null und belastet Bankguthaben über dem Freibetrag weiterhin mit minus 0,25 %.
Die offizielle Inflation ist ein Durchschnitt. Die Inflation eines Unternehmens ist es nicht. Wer seine Reserven nur am Landesindex misst, unterschätzt, wie viel Kaufkraft im eigenen Betrieb tatsächlich verloren geht.
Warum die Teuerung Ihres Betriebs nicht im Landesindex steht, was das für Ihre Firmenreserve bedeutet und welche langfristige Absicherung inzwischen sogar die PostFinance ihren Firmenkunden anbietet – lesen Sie im vollständigen Artikel.
Die Teuerung gibt es nicht. Es gibt nur Ihre Teuerung.
Der Landesindex der Konsumentenpreise (LIK) misst die Preisentwicklung eines Warenkorbs, wie ihn ein durchschnittlicher Schweizer Haushalt konsumiert. Im Jahr 2026 entfallen rund 25,6 % des Gewichts auf Wohnen und Energie, rund 17,4 % auf Gesundheit und rund 10,3 % auf Nahrungsmittel. Daraus errechnet das Bundesamt für Statistik eine einzige Zahl: plus 1,0 % gegenüber dem Vorjahr im September 2026.
Diese Zahl ist methodisch sauber erhoben. Aber sie beantwortet eine bestimmte Frage, nämlich wie sich die Preise für einen statistischen Durchschnittshaushalt verändert haben. Ein Transportunternehmen, eine Schreinerei oder ein Hotel kaufen einen völlig anderen Warenkorb. Bei ihnen machen Treibstoff, Heizöl, Material und Löhne einen weit grösseren Teil der Kosten aus als beim Durchschnittshaushalt.
Ludwig von Mises hat schon früh davor gewarnt, Indexzahlen eine Präzision zuzuschreiben, die sie nicht haben können. Kaufkraftveränderungen treffen nie alle Marktteilnehmer gleich. Sie verteilen sich ungleich über Branchen, Regionen und Unternehmen. Carl Menger hatte bereits gezeigt, dass Wert subjektiv ist und vom Bedarf jedes einzelnen Akteurs abhängt. Für Unternehmer bedeutet das ganz praktisch: Die relevante Inflation ist diejenige, die in der eigenen Buchhaltung ankommt.
Was 2026 in den Schweizer Betrieben ankommt
Am deutlichsten zeigt sich das beim Diesel. Ende Februar 2026 lag der Literpreis knapp unter 1.80 Franken. Laut TCS erreichte er am 18. September einen Durchschnitt von 2.41 Franken. Damit wurde der bisherige Rekord von 2.40 Franken aus dem Jahr 2022 übertroffen, an einzelnen Tankstellen kostete der Liter über 2.50 Franken. Bleifrei 95 stand gleichzeitig bei 2.10 Franken.
Dafür gibt es mehrere Gründe, die sich gegenseitig verstärken. Der Konflikt um Iran und die Strasse von Hormuz verknappt das Angebot an Rohöl und raffinierten Produkten. Russland exportiert wegen des Kriegs und beschädigter Raffinerien weniger Diesel und Benzin. Die Raffinerie Cressier, die rund 30 % der Schweizer Kapazität stellt, war vorübergehend stillgelegt. Dazu kommt das Niedrigwasser am Rhein: Der Transport einer Tonne Treibstoff nach Basel kostete zeitweise über 220 Franken statt der üblichen 22 bis 28 Franken. Das allein macht laut TCS rund 15 Rappen pro Liter an der Zapfsäule aus.
Beim Heizöl sieht es ähnlich aus. Laut Comparis war Heizöl im Sommer rund 31 % teurer als ein Jahr zuvor, und das vor Beginn der Heizsaison.
Wie sich das in der Praxis anfühlt, zeigen Stimmen aus der Wirtschaft, die der Blick im September gesammelt hat. Benjamin Giezendanner, Unternehmer und Nationalrat, erhält für sein Transportunternehmen alle zwei bis drei Tage eine grosse Dieselanlieferung und sagt: «Pro Lieferung zahle ich heute 15'000 bis 20'000 Franken mehr.» Markus Gasser betreibt in Dagmersellen ein Recyclingunternehmen mit 25 Lastwagen und muss seine Preise erhöhen. Der Flusskreuzfahrtanbieter Thurgau Travel spricht von Mehrkosten in siebenstelliger Höhe, die er seinen Kunden vorerst nicht weiterverrechnet. Der Nutzfahrzeugverband Astag fordert inzwischen Steuergutschriften und einen vergünstigten Gewerbediesel.
Die Prämien, die im Index fehlen
Ein zweiter Kostenblock taucht im Landesindex überhaupt nicht auf. Die Krankenkassenprämien steigen 2027 im Durchschnitt um 5,0 %. Die mittlere Monatsprämie erhöht sich um 19.70 auf 412 Franken, bei Erwachsenen sind es 487.60 Franken.
Das Bundesamt für Statistik schliesst die Prämien bewusst aus dem LIK aus, weil sie als Transferzahlungen der Haushalte an die Versicherer gelten. Erfasst werden nur die Preise der Gesundheitsleistungen selbst, also Arztbesuche, Medikamente und Spitalleistungen. Für die Prämien führt das BFS einen eigenen Index. Methodisch lässt sich das begründen. Im Portemonnaie der Haushalte ist der Unterschied zwischen einer Preiserhöhung und einer Prämienerhöhung aber nicht spürbar.
Für Unternehmen wirkt dieser Posten indirekt. Die Grundversicherung zahlen die Arbeitnehmenden selbst. Steigende Prämien verringern ihr verfügbares Einkommen und erhöhen den Druck in den kommenden Lohnrunden. Ein Betrieb mit zehn Angestellten spürt die Prämienrunde 2027 also spätestens bei den nächsten Lohnverhandlungen.
Ein Rechenbeispiel aus dem Tessin
Wie gross der Unterschied zwischen offizieller und betrieblicher Teuerung sein kann, zeigt eine einfache Modellrechnung. Die folgenden Annahmen sind vereinfacht und dienen der Veranschaulichung. Die tatsächlichen Werte hängen von Fahrzeugtyp, Fahrleistung und Einkaufskonditionen ab.
Ein Transportunternehmen in der Magadinoebene betreibt vier Lastwagen. Jeder fährt rund 100'000 Kilometer im Jahr und verbraucht etwa 30 Liter auf 100 Kilometer. Das ergibt rund 120'000 Liter Diesel pro Jahr. Bei einem Preisanstieg von rund 61 Rappen pro Liter gegenüber Ende Februar entstehen hochgerechnet auf ein Jahr Mehrkosten von rund 73'000 Franken. Diese Summe muss erst einmal erwirtschaftet werden, bevor der Betrieb einen einzigen Franken mehr verdient.
Ein Handwerksbetrieb in Locarno mit drei Lieferwagen braucht im Jahr etwa 7'500 Liter Diesel. Hier liegen die Mehrkosten bei rund 4'600 Franken. Heizt der Betrieb seine Werkstatt mit Öl und hat dafür bisher 8'000 Franken im Jahr ausgegeben, kommen bei 31 % Teuerung weitere rund 2'500 Franken hinzu. Für einen kleinen Betrieb sind das gut 7'000 Franken zusätzliche Kosten, nur für Treibstoff und Wärme.
Bei diesen beiden Kostenblöcken liegt die Teuerung des Betriebs also bei einem Vielfachen von einem Prozent. Der Landesindex bildet das korrekt ab, und zwar als Durchschnitt, in dem der Diesel des Handwerkers mit billigeren Pauschalreisen und Hotelübernachtungen verrechnet wird. Genau diese gegenläufigen Bewegungen führt das BFS für den September ausdrücklich an.
Die Reserve, die nicht mitwächst
Auf der anderen Seite der Bilanz liegt die Liquiditätsreserve. Die meisten Kantonal- und Grossbanken zahlen laut VZ VermögensZentrum (Stand 29. September 2026) auf Spar- und Firmenkonten 0,00 bis 0,10 % Zins. Das beste Angebot im Vergleich liegt bei 0,60 %.
Die Schweizerische Nationalbank hat den Leitzins am 24. September bei 0 % belassen. Guthaben, die Banken über einem Freibetrag bei der SNB halten, werden weiterhin mit minus 0,25 % belastet. Dieser Negativzins trifft direkt zwar nur die Banken. Er erklärt aber, warum auf Firmenkonten kaum noch Zins bezahlt wird. Dass Banken ihre Kosten weitergeben können, ist bekannt: In der letzten Negativzinsphase bis 2022 verlangten unter anderem die PostFinance und die Migros Bank von Geschäftskunden minus 0,75 %, die Migros Bank ab einem Guthaben von 5 Millionen Franken.
Rechnen wir mit einer Reserve von 500'000 Franken bei 0,05 % Zins. Das ergibt 250 Franken Zinsertrag im Jahr. Bei einer offiziellen Teuerung von 1,0 % verliert die Reserve real rund 4'750 Franken an Kaufkraft. Gemessen an der Teuerung, die der Betrieb tatsächlich erlebt, ist der Verlust höher. Wie wir in einem früheren Artikel gezeigt haben, summierte sich die offizielle Teuerung in der Schweiz von 2021 bis 2025 bereits auf rund 6,9 %.
Aus Sicht der Österreichischen Schule ist das kein Zufall. Geld ist nicht neutral. Wer nahe an der Geldquelle sitzt, kann sich günstig finanzieren, und wer Ersparnisse in Franken hält, trägt die Kosten von Nullzins und Geldpolitik. Friedrich August von Hayek hat beschrieben, wie künstlich tiefe Zinsen die Preissignale verzerren, an denen sich Unternehmer orientieren. Wer spart, wird nicht belohnt, sondern verliert Jahr für Jahr ein Stück Kaufkraft.
Was dagegen spricht
Zur Einordnung gehört auch, was gegen diese Sicht spricht, und das ist einiges.
Der Preisschub von 2026 ist in erster Linie ein Angebotsschock, ausgelöst durch Geopolitik, Raffinerieausfälle und Niedrigwasser. Er ist nicht die Folge einer übermässigen Geldausweitung durch die SNB. Die Nationalbank geht davon aus, dass die Energiepreise in den kommenden Quartalen sinken. Für 2027 erwartet sie eine Teuerung von 0,8 %. Sinkt der Dieselpreis wieder, verschwindet auch ein grosser Teil der Mehrkosten.
Nicht alle Kosten steigen. Die Strompreise sinken 2027 laut ElCom im Median um 4 % auf 26,5 Rappen pro Kilowattstunde, das sind für einen typischen Haushalt 53 Franken weniger im Jahr. Der hypothekarische Referenzzinssatz für Mieten bleibt bei 1,25 %. Der starke Franken dämpft die Importpreise.
Der Vergleich mit dem Ausland relativiert zudem vieles. In Italien stieg die Inflation im September auf 4,2 %, die Europäische Zentralbank musste ihre Leitzinsen im September anheben. Die Schweiz steht vergleichsweise sehr gut da. Viele Betriebe können ihre Mehrkosten ausserdem über Treibstoffzuschläge oder Preiserhöhungen zumindest teilweise weitergeben.
Der Punkt dieses Artikels ist deshalb kein Alarm. Es geht um Messung. Wer Kosten und Reserven seines Unternehmens nur an einer Durchschnittszahl misst, sieht nicht vollständig, was im eigenen Betrieb geschieht.
Bitcoin als langfristiger Schutz: Auch die PostFinance öffnet die Tür
Was können Unternehmen mit Reserven tun, die sie operativ nicht brauchen? Neben klassischen Anlagen wie Obligationen, Aktien oder Gold hat sich in den letzten Jahren eine weitere Option etabliert. Seit Mitte Mai 2026 können Schweizer Firmenkunden der PostFinance Bitcoin direkt im E-Finance und in der App kaufen und verwahren. Vorausgesetzt werden ein Steuersitz in der Schweiz, ein aktives Geschäftskonto und ein E-Finance-Vertrag. Das Angebot funktioniert als reine Ausführung, ohne Beratung. Laut einer Erhebung der PostFinance haben erst 14 % der Schweizer Unternehmen praktische Erfahrung mit digitalen Vermögenswerten.
Bemerkenswert ist die Entwicklung. Dieselbe Bank, die in der Negativzinsphase Geschäftskunden für ihre Guthaben zahlen liess, bietet heute einen direkten Zugang zu einem Vermögenswert, dessen Menge auf 21 Millionen Einheiten begrenzt ist und den keine Zentralbank ausweiten kann.
Bitcoin ist allerdings kein Schutz gegen kurzfristige Kostenschocks. Wer in diesem Herbst höhere Dieselrechnungen bezahlen muss, braucht Liquidität in Franken und keinen volatilen Vermögenswert. Bitcoin notiert heute bei rund 70'000 Franken und damit rund ein Drittel unter dem Höchststand von rund 105'000 Franken vom Oktober 2025. Niemand weiss, ob das Tief bereits erreicht ist.
Bitcoin kommt deshalb nur für echte Überschüsse in Frage, also für Kapital, das ein profitabler Betrieb über mindestens vier bis fünf Jahre nicht benötigt. Der Anteil sollte klein bleiben, als Orientierung gelten häufig 1 bis 15 % der freien Reserven. Bitcoin wird nie auf Kredit gekauft, und vor dem ersten Kauf braucht es eine schriftliche interne Richtlinie. Zu klären ist auch die Verwahrung: Bei der PostFinance liegt Bitcoin bei der Bank, während bei der Eigenverwahrung, etwa mit einem Hardware Wallet wie der BitBox02, das Unternehmen die Schlüssel selbst kontrolliert. Beides hat Vor- und Nachteile, die vor dem Einstieg zusammen mit dem Treuhänder geklärt werden sollten.
Fazit
Die Schweiz hat im europäischen Vergleich eine bemerkenswert tiefe Inflation, und das ist eine echte Stärke. Für Unternehmen erzählt die Zahl von 1 % aber nur einen Teil der Geschichte. Diesel auf Rekordhoch, Heizöl rund 31 % teurer, Prämien plus 5 % ausserhalb des Index: Die Teuerung, die in vielen Betrieben ankommt, ist ein Vielfaches der offiziellen Zahl. Gleichzeitig wirft die Reserve auf dem Firmenkonto praktisch nichts ab.
Wer seine Kosten in realen Grössen rechnet, sollte das auch bei seinen Reserven tun. Der Landesindex zeigt, was der Durchschnittshaushalt erlebt. Was Ihr Unternehmen verliert, steht in Ihrer eigenen Buchhaltung.
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Quellen
Bundesamt für Statistik: Landesindex der Konsumentenpreise im September 2026 (publiziert 1. Oktober 2026)
Bundesamt für Statistik: LIK 2026, Methodik und Warenkorbgewichte
Schweizerische Nationalbank: Geldpolitische Lagebeurteilung vom 24. September 2026
TCS: Medienmitteilung Diesel-Preisrekord, 18. September 2026
cash.ch: Diesel kostet erstmals seit Kriegsausbruch mehr als 2 Franken, 18. März 2026
Blick: «Wir sind Opfer des Diesel-Schocks», 18./23. September 2026
Comparis: Heizöl über 30 Prozent teurer als vor einem Jahr, August 2026
Bundesamt für Gesundheit: Krankenkassenprämien 2027 steigen durchschnittlich um 5,0 Prozent
ElCom: Leicht sinkende Strompreise 2027
Bundesamt für Wohnungswesen: Referenzzinssatz per 1. September 2026
VZ VermögensZentrum: Aktuelle Sparzinsen, Stand 29. September 2026
moneyland.ch: Negativzinsen von Schweizer Banken (Stand 2022)
Bilanz: PostFinance öffnet Krypto für Unternehmen, Mai 2026
CoinMarketCap: BTC/CHF, 7. Oktober 2026
