Warum wir als Bitcoiner das Fiat-System füttern: Was Bitcoin in den Lieferketten noch fehlt

Zusammenfassung

Wer Bitcoin besitzt und dafür einen Kredit aufnimmt, bekommt in aller Regel Franken, Euro oder Dollar. Die Bitcoin dienen als Sicherheit, ausgegeben wird Fiat. Für Hubertus Hofkirchner, Gründer von Bitcredit Protocol und früher Banker bei der Citibank, ist genau das der Kern des Problems: «Wir füttern als Bitcoiner das Fiat-System. Das gehört beendet.»

Ich habe Hubertus am Plan B Forum 2026 in Lugano getroffen, der zweitgrössten Bitcoin-Konferenz Europas. Kennengelernt haben wir uns ein Jahr zuvor an derselben Konferenz, ins Gespräch gekommen sind wir aber erst richtig, als er einen meiner Artikel auf LinkedIn deutlich kritisiert hat.

Seine These ist einfach formuliert und weitreichend in den Folgen. Unternehmen verkaufen ihre Ware selten an Konsumenten, sondern an andere Unternehmen, und zwischen Lieferung und Bezahlung liegen meist 30 bis 60 Tage. Solange Bitcoin diese Lücke nicht mit Kredit überbrücken kann, bleibt es aus den Lieferketten ausgeschlossen. Bitcredit will das mit in Bitcoin denominierten Handelswechseln und einer Form von E-Cash lösen, die auf die Ideen von David Chaum aus den 1980er-Jahren zurückgeht. Gestartet wurde vor wenigen Wochen, zuerst in Exportkorridoren für Kakao und Kaffee aus Lateinamerika und Afrika.

Im Gespräch geht es aber auch um die Rolle des Staates im Geldsystem, um rund 4 Billionen Euro, die die EZB in die Bilanz genommen hat, und um vier Forderungen, die Hubertus an eine Geldordnung stellt, in der Bitcoin sein Potenzial entfalten kann.

Was hinter dem Kredit-Layer für Bitcoin steckt und warum ein Österreicher das Freibankenwesen zurückbringen will – lesen Sie im vollständigen Artikel und sehen Sie im ganzen Interview.

Ein Kritiker auf LinkedIn

Ich schreibe fast jede Woche zwei Artikel über Bitcoin, Makroökonomie und die Österreichische Schule. Nicht jeder Leser ist mit allem einverstanden, und das ist gut so. Hubertus Hofkirchner hat mir vor einigen Monaten unter einem Beitrag ziemlich deutlich widersprochen, und aus dieser Kritik ist ein Austausch entstanden, der mich seither begleitet. Am Plan B Forum in Lugano haben wir uns wiedergesehen, und ich habe die Gelegenheit genutzt, ihn vor die Kamera zu holen. Es ist das erste Interview auf dem neuen deutschsprachigen Kanal von Bitcoin Locarno, das am Samstag morgen um 8 Uhr erscheinen wird.

Folgt mir gerne auf YouTube – Bitcoin Locarno Deutsch:
https://www.youtube.com/@BitcoinLocarno-de

Hubertus ist kein Neuling in der Finanzwelt. Er war Geschäfts- und Investmentbanker, im Interview erwähnt er selbst seine Zeit bei der Citibank, und später CEO eines Telekommunikationsunternehmens. Seit rund zwanzig Jahren gründet er Unternehmen an der Schnittstelle von Finanzen und Informatik, darunter einen Online-Broker, eine digitale Optionsbörse und eine Plattform für Prognosemärkte. In Wien leitet er einen monatlichen Salon zur Österreichischen Schule am Hayek-Institut. Sein aktuelles Projekt heisst Bitcredit Protocol, ein Wiener Startup, das 2024 nach eigenen Angaben 6,7 Millionen Euro gesammelt hat, ohne den Geldgeber zu nennen.

Das Problem, über das kaum jemand spricht

Die meisten Bitcoin-Kredite, die heute angeboten werden, funktionieren nach demselben Prinzip. Man hinterlegt Bitcoin und erhält im Gegenzug etwa die Hälfte des Werts in Fiat-Geld. Zahlt man zurück, bekommt man seine Bitcoin wieder. Hubertus nennt das nüchtern ein ganz normales Lombardgeschäft, wie es Banken seit Jahrhunderten betreiben, und schätzt, dass weltweit 20 bis 40 Firmen genau das anbieten.

Was fehlt, ist etwas anderes. Ein Unternehmen, das Rohstoffe oder Halbfabrikate verkauft, wartet oft 30 bis 60 Tage auf sein Geld, weil der Abnehmer die Ware zuerst empfangen, verarbeiten, verpacken und weiterverkaufen muss. Diese Zeit wird in der heutigen Wirtschaft mit Lieferantenkredit überbrückt, und zwar in Fiat. Wer in Bitcoin wirtschaften möchte, muss deshalb immer wieder in Dollar, Franken oder Euro wechseln, um Ware einkaufen zu können. So entsteht der paradoxe Zustand, dass ausgerechnet Bitcoiner ständig Nachfrage nach dem Geld schaffen, dem sie eigentlich misstrauen.

Hubertus' Antwort darauf ist ein Kredit, der selbst in Bitcoin denominiert ist. Unternehmen erhalten Liquidität in Bitcoin, bezahlen damit Lieferanten und Mitarbeitende, und wenn diese wiederum einkaufen, muss der Händler nicht sofort zurück in Fiat wechseln, weil ein Teil seiner eigenen Lieferkette Bitcoin braucht, um Lieferkredite zurückzuzahlen. Am Ende stünde eine Kreislaufwirtschaft in Bitcoin, ohne den ständigen Umweg über Fiat-Geld.

Kakao, Kaffee und ein altes Instrument

Spannend wird es, wenn Hubertus erzählt, wo das Ganze heute schon eingesetzt wird. Nicht bei Grosskonzernen, auch wenn von dort bereits Anfragen kommen, sondern bei kleineren Transaktionen in Ländern, in denen Lieferkredit kaum funktioniert. Er spricht von Lateinamerika und Afrika, von Regionen, die von Korrespondenzbanken abgeschnitten werden oder Sicherheiten stellen müssen, die schlicht nicht realistisch sind.

Das Instrument, auf dem Bitcredit aufbaut, ist dabei ziemlich alt: der Handelswechsel. Bis vor rund 50 Jahren, so Hubertus, war im Warenhandel die Ware selbst die Deckung für das ausgegebene Geld. Wer das Freibankenwesen des 19. Jahrhunderts kennt, wird hier hellhörig. Bitcredit will genau das auf Bitcoin zurückbringen, peer-to-peer, ohne Bank in der Mitte. Ein Kaffeeproduzent und ein europäischer Importeur machen den Kredit direkt untereinander aus, und kleine Lieferanten bekommen plötzlich Zugang zu Märkten, die ihnen bisher verschlossen waren.

Wie aus einem elektronischen Handelswechsel ein Zahlungsmittel wird, das in 150 Millisekunden um die Welt geht und weniger kostet als eine Lightning-Zahlung, erklärt Hubertus im Interview selbst. Ich gebe zu, dass ich an dieser Stelle mehrmals nachfragen musste. E-Cash war mir als historische Idee von David Chaum bekannt, ich bin erst vor wenigen Tagen bei den Recherchen für meine italienische Folge zur Geschichte von Bitcoin wieder darauf gestossen. Dass es heute nicht verwahrte E-Cash-Protokolle auf Bitcoin gibt, die im Unternehmensalltag eingesetzt werden, war mir neu.

Mehr über Bitcredit erfahren:
Website für Händler & Anwender: https://bit.cr
Non-Profit & Open-Source-Ökosystem: https://bitcr.org
Bitcredit Community auf Telegram: https://t.me/bitcredit
Hubertus Hofkirchner auf LinkedIn: https://www.linkedin.com/in/hubertus-hofkirchner

Geld ist keine Staatsangelegenheit

Im zweiten Teil des Gesprächs wird es grundsätzlicher. Ich habe Hubertus gefragt, wie er die Österreichische Schule in wenigen Sätzen zusammenfassen würde, und meine eigene Version zur Prüfung vorgelegt. Seine Ergänzung ging in eine klare Richtung: Die verbreitete Vorstellung, der Staat müsse da sein, damit Geld funktioniere, sei genau verkehrt herum. Der Staat solle einen Rechtsrahmen setzen, innerhalb dessen Geld entstehen kann, aber nicht selbst das wichtigste Gut der Wirtschaft für seine eigenen Zwecke vereinnahmen.

Was daraus folgt, formuliert er in vier Forderungen, die er im Interview ausführt und begründet. Eine davon betrifft die Frage, in welchem Geld man Steuern bezahlen darf, und Hubertus verweist dabei auf Javier Milei in Argentinien. Die Forderung, die er selbst als die wichtigste bezeichnet, betrifft die Zinsen, und sein Satz dazu ist mir hängen geblieben: Wer nie unter einem soliden Geldsystem gelebt hat, kann sich kaum vorstellen, wie viel einfacher das Leben ist, wenn man nicht ständig nach Möglichkeiten suchen muss, sein Geld zu retten.

Die Zahlen hinter der Kritik an der EZB

Hubertus spart nicht mit Kritik an der Europäischen Zentralbank. Die Zahlen, die er nennt, lassen sich zum grossen Teil nachprüfen. Die Bilanz des Eurosystems ist von rund 4'700 Milliarden Euro Ende 2019 auf einen Höchststand von knapp 8'800 Milliarden Euro im Jahr 2022 gewachsen, also um rund 4 Billionen Euro. Die offizielle Teuerung im Euroraum lag 2022 bei 8,4 und 2023 bei 5,4 Prozent, was kumuliert etwas über 14 Prozent ergibt. Meine Angabe von 13 Prozent Inflation in Europa liegt damit in der Grössenordnung der offiziellen Statistik. In den USA wuchs die Geldmenge M2 zwischen Februar 2020 und Anfang 2022 um rund 6 Billionen Dollar, was etwa 30 Prozent des damaligen Bestands entsprach.

Bei einer Aussage bin ich vorsichtiger. Hubertus ist überzeugt, dass uns noch fünf bis sieben Jahre erhöhter Inflation bevorstehen, weil das gedruckte Geld mit Verzögerung in die Preise wandert. Das ist eine Prognose, keine Tatsache, und Prognosen über Inflation sind schon vielen klugen Leuten misslungen. Die Argumentation dahinter, die sogenannte Wirkungsverzögerung der Geldpolitik, ist allerdings kein Randthema, sondern in der Geldtheorie gut belegt.

Wo die Fragezeichen liegen

So überzeugend die Idee klingt, das Projekt steht ganz am Anfang. Bitcredit ist nach Hubertus' eigenen Worten erst vor rund vier Wochen gestartet, und er sagt offen, dass bei Krediten immer etwas schiefgeht. Für grosse Transaktionen braucht es zuerst Kapital, um Ausfälle zu überbrücken, bis die Rückforderung greift. Ob das Modell in grösserem Massstab funktioniert, wird sich erst zeigen.

Dazu kommt die Volatilität. Wer einen Kredit über 60 Tage in Bitcoin aufnimmt, trägt das Risiko, dass er bei steigendem Kurs am Ende deutlich mehr Kaufkraft zurückzahlt, als er erhalten hat. Hubertus bestreitet das gar nicht, im Gegenteil: In seiner Masterclass am Plan B Forum hat er sich ausdrücklich mit dem beliebten Satz «ein Bitcoin ist ein Bitcoin» auseinandergesetzt und klargestellt, dass Bitcoin volatil ist. Wie man damit in einer Lieferkette umgeht, ist eine der Fragen, die ich in einem zweiten, längeren Gespräch vertiefen möchte.

Schliesslich gibt es auch innerhalb der Österreichischen Schule eine alte Debatte über Kredit, der auf Handelswechseln beruht. Ludwig von Mises hat zwischen Warenkredit, der aus echtem Sparen stammt, und Zirkulationskredit, der aus dem Nichts geschaffen wird, unterschieden und vor Letzterem gewarnt. Wo Bitcredit in dieser Unterscheidung steht, ist eine berechtigte Frage, und Hubertus als Österreicher dürfte sie nicht zum ersten Mal hören.

Fazit

Bitcoin wird heute vor allem gehalten, als Wertspeicher, als Absicherung, als Sicherheit für Kredite in Franken und Euro. Hubertus Hofkirchner stellt eine unbequeme Frage: Was nützt das härteste Geld der Welt, wenn die Wirtschaft, die darauf laufen soll, weiterhin Fiat braucht, um 60 Tage zu überbrücken? Ob Bitcredit die richtige Antwort ist, kann heute niemand sagen. Die Frage selbst aber wird bleiben, und sie ist es wert, dass man ihr eine halbe Stunde zuhört.

Das ganze Interview mit Hubertus Hofkirchner vom Plan B Forum 2026 finden Sie auf dem deutschsprachigen YouTube-Kanal von Bitcoin Locarno.

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Kevin Quast

Il mio viaggio nel mondo di Bitcoin è iniziato nel 2020 durante una passeggiata invernale con un buon amico, che mi ha parlato con entusiasmo di Bitcoin e della sua visione. Da allora, questo tema non mi ha più lasciato!

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