Bitcoin ist schlecht verteilt? Was die Zahlen wirklich zeigen

Zusammenfassung

«Bitcoin ist schlecht verteilt. Nur eine Handvoll Reicher hält fast alles.» Diese Behauptung taucht regelmässig in grossen Medien auf. The Guardian titelte bereits 2022 «Bitcoin Wealth Inequality Is Worse Than Inequality in the Real World». CNBC berichtete, die reichsten 1% der Bitcoin-Halter besässen 90% der gesamten Menge. Bloomberg sprach von 40% in der Hand des obersten 1%. Der bekannte Bitcoin-Kritiker Nouriel Roubini verglich den Gini-Koeffizienten von Bitcoin gar mit jenem Nordkoreas.

Die zugrunde liegenden Zahlen stimmen – und sind trotzdem irreführend. Sie verwechseln Adressen mit Personen. Eine einzelne Exchange-Adresse kann die Bitcoin von Millionen Kleinanlegern bündeln. Eine «reicher» Wallet kann in Wirklichkeit eine Börse, ein ETF-Custodian oder ein seit Jahren unbewegtes Frühwallet sein, das niemandem mehr wirtschaftlich zugerechnet werden kann.

Eine Verteilungsschätzung, die Entitäten statt blosser Adressen zählt, zeigt ein anderes Bild: Rund die Hälfte aller Bitcoin liegt in privater Hand – deutlich mehr als bei Unternehmen, ETFs, Staaten und DeFi-Protokollen zusammen. Der genaue Anteil schwankt je nach Methodik zwischen rund 57% und 66%, doch die Grössenordnung bleibt über verschiedene Quellen hinweg stabil.

Was diese Differenzierung für die Frage bedeutet, wem Bitcoin wirklich gehört – und warum die Schlagzeile «nur die Reichen» eine Vereinfachung ist, die der österreichischen Sicht auf dezentrales Eigentum widerspricht – lesen Sie im vollständigen Artikel.

Die Schlagzeile: «Nur die Reichen besitzen Bitcoin»

Kaum eine Behauptung über Bitcoin hält sich so hartnäckig wie diese. Sie taucht in unterschiedlichen Varianten auf: 90% aller Bitcoin gehören 1% der Adressen, sagt CNBC. 40% liegen beim obersten 1%, schreibt Bloomberg. The Guardian titelte im März 2022 direkt, die Vermögensungleichheit bei Bitcoin sei schlimmer als in der realen Welt. Nouriel Roubini, einer der bekanntesten Bitcoin-Kritiker, zog in einem vielzitierten Tweet sogar den Vergleich zu Nordkorea, wo ein Herrscher und seine Gefolgsleute den Grossteil des Landesvermögens kontrollieren.

Diese Zahlen sind nicht erfunden. Sie stammen aus echten On-Chain-Analysen und lassen sich nachvollziehen. Das Problem liegt nicht in der Erhebung, sondern in der Interpretation.

Das Problem mit Adressen statt Personen

Eine Bitcoin-Adresse ist kein Bankkonto und keine Person. Genau hier liegt der methodische Bruch, der die «90% gehören 1%»-Schlagzeile so irreführend macht.

Eine einzelne Coinbase- oder Binance-Adresse kann die zusammengefassten Guthaben von mehreren Millionen einzelner Kleinanleger enthalten. Für eine reine Adress-Analyse sieht das aus wie ein einzelner, extrem reiche Wallet. Wirtschaftlich betrachtet handelt es sich um Tausende oder Millionen unabhängiger, oft kleiner Privatpositionen. Umgekehrt gilt dasselbe für ETF-Custodian-Adressen: BlackRocks iShares Bitcoin Trust verwaltet Bitcoin für hunderttausende Anteilseigner in einer einzigen technischen Wallet-Struktur.

Hinzu kommt: Ein erheblicher Teil der grössten Adressen ist seit Jahren komplett unbewegt. Dazu zählen Satoshi Nakamotos rund 968'000 Bitcoin sowie zahllose Adressen aus der Frühzeit, bei denen die privaten Schlüssel mit hoher Wahrscheinlichkeit verloren sind. Diese Bitcoin zählen zwar formal zum Vermögen einer «Adresse», sind aber wirtschaftlich niemandem mehr zugänglich – auch nicht dem ursprünglichen Halter.

Eine seriöse Verteilungsanalyse zählt deshalb nicht Adressen, sondern versucht, wirtschaftliche Entitäten zu identifizieren: Personen, Unternehmen, Börsen, Fonds, Staaten. Das ist methodisch aufwendiger und ungenauer als eine reine Adress-Zählung, ergibt aber ein deutlich realistischeres Bild.

Was die Entitäten-Schätzung wirklich zeigt

Rechnet man auf dieser Basis, dominiert eine einzige Kategorie klar: private Hände. Nach einer aktuellen Schätzung auf Basis von BitcoinTreasuries.net-Daten liegt dieser Anteil bei rund 57%. Die US-Bitcoin-Bank River Financial kam in einer eigenen Studie vom August 2025 sogar auf 65,9%. Beide Zahlen beschreiben dieselbe Grössenordnung: die klare Mehrheit, unabhängig von der genauen Methodik.

Die restlichen Kategorien sind deutlich kleiner und bei den grossen Datenanbietern erstaunlich konsistent. Unternehmen, börsennotiert wie privat, halten zusammen rund 1,54 Millionen Bitcoin – davon gut 1,24 Millionen bei börsennotierten Firmen und rund 300'000 bei privaten Unternehmen, die keine Quartalsberichte veröffentlichen und öffentlich kaum sichtbar sind. ETFs und Börsen kommen auf einen ähnlich grossen Anteil. Staaten und öffentliche Institutionen halten rund 650'000 Bitcoin, primär aus Beschlagnahmungen und nicht aus aktiver Kaufpolitik. DeFi-Protokolle und tokenisierte Bitcoin-Derivate auf anderen Blockchains machen mit rund 379'000 Bitcoin den kleinsten Block aus.

Zusammengenommen kontrollieren alle institutionellen Kategorien weniger als ein Fünftel der gesamten Bitcoin-Menge. Der Rest verteilt sich auf private Hände, für immer verlorene Bestände und noch nicht emittierte Coins.

Die Verteilung im Bild

Die folgende Grafik ordnet acht Kategorien gegen die fixe Obergrenze von 21 Millionen Bitcoin ein: Private Hände (Schätzung), Für immer verloren (Schätzung), ETFs & Börsen, Unternehmen (börsennotiert + privat), Noch nicht emittiert, Frei verfügbar (Schätzung), Staaten und öffentliche Institutionen sowie DeFi und Sonstiges.

Auffällig ist die Grössenordnung: Private Hände (Schätzung) machen mit 56,7% mehr als die Hälfte der gesamten Bitcoin-Menge aus – deutlich mehr als alle institutionellen Kategorien zusammen. Für immer verloren (Schätzung) folgt mit 15,7% an zweiter Stelle. ETFs & Börsen sowie Unternehmen (börsennotiert + privat) liegen mit je 7,4% gleichauf. Noch nicht emittierte Bitcoin machen 4,4% aus, frei verfügbare Bestände (Schätzung) 3,5%, Staaten und öffentliche Institutionen 3,1% und DeFi und Sonstiges 1,8%. Addiert ergeben alle acht Kategorien 100% der 21-Millionen-Obergrenze.

Warum die Zahl für verlorene Bitcoin so stark schwankt

Eine der grössten Unsicherheiten in jeder Verteilungsschätzung betrifft verlorene Bitcoin. Manche Schätzungen gehen von rund 7,6% aus, andere von 15% oder mehr – fast eine Verdoppelung.

Der Grund liegt in der Abgrenzung. Wer als «verloren» zählt, hängt davon ab, ob man frühe Mining-Bestände separat ausweist oder einrechnet. Satoshi Nakamotos rund 968'000 Bitcoin sind seit 2010 unbewegt. Manche Studien führen sie als eigene, von «verloren» getrennte Kategorie. Andere rechnen sie grösstenteils in die Lost-Kategorie ein, was den grossen Unterschied zwischen 7,6% und 15% weitgehend erklärt.

Beide Ansätze sind methodisch legitim. Ob man Satoshis Bestände als «verloren» oder als «unbewegt, aber theoretisch zugänglich» einordnet, ist eine Definitionsfrage, keine Tatsachenfrage. Für die Einordnung der privaten Kategorie heisst das: Je grosszügiger eine Studie Bitcoin als verloren einstuft, desto tiefer fällt automatisch der ausgewiesene Anteil der privaten Hände aus – ohne dass sich am tatsächlichen Eigentum etwas geändert hätte.

Institutionalisierung ändert die Grössenordnung nicht

Seit 2025 wird viel über die Institutionalisierung von Bitcoin geschrieben, und die Zahlen dazu sind real. Unternehmen haben 2025 rund 489'000 Bitcoin neu erworben, Fonds und ETFs rund 205'000, Staaten rund 135'000 – zusammen fast 829'000 Bitcoin, während private Halter im selben Zeitraum netto rund 696'000 Bitcoin abgegeben haben, wie River Financial in ihrem Jahresrückblick 2025 ausweist. Auch im zweiten Quartal 2026 kauften Unternehmen netto 115'000 Bitcoin, während Privatpersonen 78'000 abgaben.

Diese Verschiebung ist real und bedeutend. Sie ändert aber nichts an der Grössenordnung: Selbst nach eineinhalb Jahren beschleunigter institutioneller Käufe bleibt die private Kategorie mit weitem Abstand die grösste. Bitcoin wurde 16 Jahre lang praktisch ausschliesslich von Privatpersonen gekauft, gehalten und weitervererbt, bevor Unternehmen und ETFs überhaupt Zugang hatten. Diese lange Akkumulationsphase lässt sich nicht in wenigen Jahren aufholen, selbst bei beträchtlichen jährlichen Zuflüssen in die institutionellen Kategorien.

Was die österreichische Schule dazu sagt

Carl Menger beschrieb Geld als das Ergebnis eines Marktprozesses, nicht eines staatlichen Dekrets. Ein Gut wird zu Geld, weil hinreichend viele Marktteilnehmer es unabhängig voneinander als Tauschmittel akzeptieren – nicht weil eine Behörde es dazu erklärt.

Die Eigentumsverteilung von Bitcoin ist eine direkte Illustration dieses Gedankens. Eine Mehrheit in privater Hand bedeutet: Die meisten Entscheidungen über Kauf, Halten und Verkauf von Bitcoin trifft niemand zentral. Sie entstehen aus Millionen unabhängigen, dezentralen Einzelentscheidungen – genau jenes verteilte, lokale Wissen, das Friedrich Hayek als das eigentliche ökonomische Problem bezeichnete, das sich nicht in einer Zentrale bündeln lässt.

Die Schlagzeile «nur die Reichen besitzen Bitcoin» unterstellt implizit eine Konzentration von Macht, wie sie bei Fiat-Geld tatsächlich existiert: Zentralbanken und Regierungen können per Beschluss Geldmenge und Kaufkraftverteilung verändern. Bei Bitcoin kann das niemand. Institutionalisierung verändert die Zusammensetzung der Eigentümer, nicht die Struktur des Systems. Selbst ein Unternehmen wie Strategy trifft seine Bitcoin-Entscheidungen als einzelner Marktteilnehmer unter vielen, nicht als Behörde mit Zwangsmacht.

Die Grenzen dieser Schätzung – ein Wort zur Vorsicht

Bei aller methodischen Sorgfalt bleibt auch die Entitäten-Schätzung eine Schätzung, keine Bestandsaufnahme. Adress-Clustering kann mehrere wirtschaftliche Eigentümer in einer Kategorie zusammenfassen oder einen einzelnen Eigentümer über mehrere Kategorien verteilen. Exchange-Bestände etwa enthalten sowohl private Kundenguthaben als auch Firmenreserven der Börse selbst – eine saubere Trennung ist auf Basis öffentlicher Blockchain-Daten allein nicht möglich.

Auch die Lost-Coin-Zahl bleibt eine Heuristik. Ein unbewegtes Wallet ist nicht automatisch ein verlorenes Wallet – manche Grosshalter bewegen ihre Bestände bewusst seit Jahren nicht, aus Überzeugung, nicht aus Unfähigkeit. Wer die private Kategorie als homogene Gruppe betrachtet, übersieht zudem, dass ein Teil davon frühe Grosshalter sind, die vor 2013 zu Preisen unter einem Dollar gekauft haben – eine Konzentration innerhalb der privaten Kategorie, die real ist, aber nichts daran ändert, dass es sich rechtlich und wirtschaftlich um private, nicht um institutionelle Bestände handelt.

Fazit

Die Schlagzeile «nur die Reichen besitzen Bitcoin» stützt sich auf reale Daten, zieht daraus aber falsche Schlüsse. Wer Adressen statt wirtschaftlicher Entitäten zählt, verwechselt eine Börsen-Sammeladresse mit einem einzelnen Milliardär. Eine sauberere Betrachtung zeigt: Rund die Hälfte bis zwei Drittel aller Bitcoin liegen in privater Hand – trotz eines Jahres beschleunigter institutioneller Käufe durch Unternehmen, ETFs und Staaten.

Für Anlegerinnen und Anleger bedeutet das: Wer heute Bitcoin direkt und selbstverwahrt hält, reiht sich in eine Kategorie ein, die trotz aller Schlagzeilen über Konzentration und Corporate Treasuries strukturell dominant bleibt. Die eigentlich interessante Frage ist nicht, ob Bitcoin «gerecht» verteilt ist. Die Frage ist, wie lange private Hände diese Mehrheit noch halten – und was das für den Preis bedeutet, wenn sie es nicht mehr tun.

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Kevin Quast

Il mio viaggio nel mondo di Bitcoin è iniziato nel 2020 durante una passeggiata invernale con un buon amico, che mi ha parlato con entusiasmo di Bitcoin e della sua visione. Da allora, questo tema non mi ha più lasciato!

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